Individualität ist etwas sehr Subjektives in sehr objektiver Ausrichtung.

Die Himmelsströmungen sind kalt. Verlässliche Winde, solche, die wärmen könnten, verlassen den Süden nicht mehr. Dort liegen sie reglos im Staub.

Materiell betrachtet, bin ich mein Körper und mein Körper bin ich. Gibt es noch andere (wissenschaftlich!?) belastbare Betrachtungsweisen?

Ausnahmen sind das Erholsame am Leben, laut Teiresias. Also sollte man, nach seiner Ansicht, ausnahmslos aus jedem Tag einen Ausnahmetag machen, will man einigermaßen entspannt leben. ”Na ja, vielleicht nicht aus jedem Tag”, korrigiert er sich, als ich ihn ob seines Widerspruchs fragend anschaue, ”aber jeden zweiten unbedingt, ausnahmsweise”. Ich bleibe skeptisch und denke: jemand, der sein Lebtag nichts anderes getan hat als eine Stunde am Tag zu weissagen, hat leicht reden. ”Wenn du dich da mal nicht täuschst”, kommt prompt seine Antwort.

Nichtstun ist übrigens keine Ausnahme, und schon gar keine erholsame, bemerkt Teiresias später. Das wird dir jeder Arbeitslose bestätigen können, wobei es zu meiner Zeit noch keine gab.

Guter Geschmack sucht den einfach gedeckten Tisch.

”Der Mensch irrt sich leicht”, höre ich Teiresias sagen, der mit übereinander geschlagenen Beinen lässig in meinem Lesesessel sitzt und Zeitung liest, ”vor allem dann, wenn er meint, ein Irrtum sei ausgeschlossen”.

Meine Arbeit bereitet mir Mühe. Ich bin alles andere als ein Experte in meinem Metier. Was mir gelingt, ist einzig und allein dazu angetan, meinen Dilettantismus zu dokumentieren.

Die anderen können immer mehr als ich. ”Das redest du dir ein, weil man es dir ausführlich und lange genug eingeredet hat in Elternhaus und Schule”, mischt sich Teiresias ein, der mal wieder in meinen Gedanken plündert. ”Ich kenne zum Beispiel niemand, der so erfolgreich erfolglos ist wie du”.

Zu Dingen, die mich nicht interessieren, brauche ich mich nicht zu äußern. Das ist sehr erleichternd, weil mich so gut wie nichts wirklich interessiert.

Frauen will er einzig und allein deshalb kennenlernen, um danach triumphierend sagen zu können, dass sie überhaupt nicht zu ihm passen.

Gutgläubigkeit. Beim Kind ist sie verständlich, im Erwachsenenalter wenig schmeichelhaft (selbst wenn sie manchmal charmant erscheint). Übertroffen wird sie von der Wissensferne sehenden Auges: man könnte wissen, aber man will nicht (warum auch immer).

Der Müßiggänger läuft Gefahr, sich über Gebühr mit sich selbst zu beschäftigen. Die gern zitierte Muße kann auch in eine Sackgasse führen, dann nämlich, wenn sie sich fern hält.

Mein Leben kommt mir leer und sinnlos vor (überhaupt in Frage gestellt), gewinne ich ihm nicht immer wieder etwas Neues ab, und sei die Entdeckung noch so klein.

Gute Bücher dienen nicht dem Zeitvertreib, sie decken die Beschränktheit des eigenen Horizonts auf.

Teiresias meint, vom guten Leben wüssten wir nichts. Das wäre auch nicht weiter verwunderlich, da es so etwas wie ein gutes Leben gar nicht gäbe. Nur Ansätze dazu, vergebliche Bemühungen, Versuche, es irgendwie festzusetzen im eigenen Dasein als ein höchstes Erstrebenswertes, ausbruchssicher und - bitte schön - immer zur Stelle. Doch würden all diese Versuche von ebendiesem Dasein zunichte gemacht. Es ist, als ob sich das Dasein zur Wehr setzte, ein gutes zu sein. Weit fehle auch der, der, ausgehend von der Schlechtigkeit des Lebens, auf ein gutes Leben schließe.

Später, während er sich draußen die Füße vertritt, höre ich Teiresias murmeln: ”Das gute Leben ist auf alle Fälle nichts Bestimmtes. Deshalb ist es auch so schwer zu bestimmen”.

Immer ist das Niedere die (manchmal schwer zu diagnostizierende) Begleiterscheinung des Höheren, sagt Teiresias (und sagen andere auch, sagt Teiresias).

Ich muss angefangen haben, bevor mich die Gestaltungslust packt. Der erste Schritt ist wesentlich, der erste Pinselstrich, der erste Satz.

Künstlernaturen bedürfen der Pflege, der Selbstpflege, wie der Pflege durch andere. Dass die Menschen ihrer unmittelbaren Umgebung ebenfalls Bedürfnisse haben (vielleicht sogar kreative), die gepflegt werden wollen, ordnen sie selbstverständlich ihrem eigenen Kreativbedürfnis unter.

Den Dingen gründlich auf den Grund zu gehen, führt manchmal dazu, dass man den Grund, ihnen auf den Grund gehen zu wollen, aus den Augen verliert.

Im Grunde genommen, verrät mir Teiresias, ist der Mensch, wenn er glücklich ist, grundlos glücklich. Glück ist ein Geschenk.

Übrigens, sagt Teiresias, ”nicht weil du dich von anderen auf Grund irgendwelcher Eigenschaften (und seien sie noch so hervorragend) unterscheidest, bist du ein Individuum”, und fügt an, ”um ein solches zu sein, bedarf es des Aufgehobenseins”.

Manchmal denke ich, dass Teiresias meine Gedanken lesen kann. Denn als ich neulich dachte, dass er doch ein wenig verrückt sei, ein geistreicher Spinner halt, erwiderte er wie aus der Pistole geschossen: das hätten andere auch schon gedacht, sehr zu ihrem Leidwesen.