Worin bestünde eine Schönheit des Alters? - Nach Teiresias würde sie sich vor allem in der Klarheit der Entscheidungen spiegeln, die der alternde Mensch zu treffen in der Lage sei, auch und gerade im Hinblick auf sein Lebensende. Das wäre möglicherweise sogar dem Gesicht eingeschrieben, in dem man dann lesen könnte wie in einem Buch. Darüberhinaus sei die Schönheit des Alters eine enorm sinnliche, gerade vor dem Hintergrund der Beeinträchtigung von Sinnlichkeit. Wann, wenn nicht im Moment des Todes, wäre das Leben sinnlich bedeutungsvoller?

Engagement braucht Selbstpflege.

Sein Engagement reicht höchstens bis zur Schwelle seiner Haustür. Spätestens dort legt er es ab wie einen aus der Mode gekommenen Hausrock. Ist er erst mal draußen in der Welt, ist er für nichts und niemand mehr zu interessieren.

Sinnlichkeit regt sich von Innen heraus, stimuliert von Außen. Reiner Innenbezug hat streng genommen mit Sinnlichkeit nichts zu tun, weil die Sinne nur sinnbildlich, erinnerungsgebunden, aktiv sind.

Eine gesunde Sinnlichkeit limitiert (Sinnes)Eindrücke und achtet darauf, sie auslaufen zu lassen wie Wellen am Strand.

Der Sinn des Lebens, sofern man überhaupt von Sinn sprechen will, liegt in seiner Sinnlichkeit, vor allem, weil er sich in ihr ausschließlich sinnhaft äußert, sagt Teiresias. Sinnlichkeit wäre Grundlage und erfüllendes Ereignis eines gelingenden Lebens, ohne unter besonderem Erklärungs- und/oder Bedeutungszwang zu stehen, fügt er noch an. Außerdem sei Sinnlichkeit Gradmesser für ein umweltverträgliches Leben, ganz aktuell. Was den Sinnen nicht zuträglich ist, schadet dem ganzen Mensch, kann für die Umwelt nicht förderlich sein (und umgekehrt).

Auch das kommt von Teiresias, dass man so manches im Leben mehr unter dem Aspekt anregender Darreichung, eines appetitlichen Erscheinungsbildes betrachten sollte. Das würde die Bekömmlichkeit fördern und natürlich den Genuss.

Da ich mein Körper bin, werde ich nicht mehr sein, wenn mein Körper nicht mehr ist?

Ich bin mehr, aber auf keinen Fall weniger als die Summe meines Lebens, die ich am Ende mit dem letzten Atemzug aushauchen werde, dokumentierend, dass ich und mein Körper eins waren im Leben, aber sich trennend im Tod?

Auch dieser Tag wird nicht folgenlos bleiben. Seine Tatsächlichkeit wird hineingreifen in die Nacht und sich schadlos halten Traum für Traum.

Sind wir nichts anderes als Passanten auf der Flaniermeile ewiger Wiederkehr?

Teiresias steht gern am Fenster und schaut hinaus in den Garten. Erst gestern hätte er eine Elster beobachtet, erzählt er freudestrahlend. Sie hätte auf dem Dach des Gartenhauses ein Sonnenbad genommen, flügelbreit hingelagert, nicht ohne sich vorher und nachher sorgfältig das Federkleid zu putzen.

Gott ist ein vermenschlichtes und - vorausgesetzt es gäbe ihn - vermenschlichendes Wesen.

Auch wenn sie sich ähnlich sind, können Menschen sehr unterschiedlich sein, so verschieden, dass sie in der Lage sind, ihr Ähnlichsein zu ignorieren.

Muße ist nichts anderes als die freundliche Maske zeitlicher Leere. Dabei verhüllt die glückhafte Verheißung ihres Erscheinungsbildes nur unvollkommen den mit Angst und Panik aufwartenden ”horror vacui”. Wer sich der Muße überlässt, schaut seiner Zeit ins Gesicht und hat es auszuhalten, ohne wenn und aber.

Die Zeit sei nicht leer, meint Teiresias dagegen, der Mensch wäre leer, weil er sich zu viel oder zu wenig Zeit ließe (entweder die Zeit reicht nicht hin oder er vertrödelt sie). Und überhaupt sei der Begriff Leere in Zusammenhang mit Zeit Propaganda der zu philosophischer Maßlosigkeit Neigenden.

Er ist ein begnadeter Selbstmotivator. Noch aus der allerkleinsten Sensation vermag er den Stoff eines Traumes zu weben, in den er sein Tun einpacken kann wie in Geschenkpapier. So macht er sich unaufhörlich sein Dasein zum Geschenk.

Die Unterwelt ist im Grunde genommen eine Nebenwelt (oder besser noch Umwelt), erzählt mir Teiresias, als wir im Baumarkt (neue Blumenmischung!) an der Kasse anstehen. Sie existiert überall um die Lebenden herum (auch hier, gerade jetzt), wovon diese allerdings nichts bemerken und darum die Existenz des Totenreichs unter ihren Füßen vermuten (früher war das zumindest so). Ehrlich gesagt, gibt die Vorstellung eines ausgedehnten, unterirdischen Höhlensystems mit Dämmerlicht mehr her als die Annahme alltäglich gegenwärtiger Schatten der Vergangenheit. Und da eine Kommunikation zwischen Lebenden und Toten normalerweise nicht vorgesehen ist, macht es nichts aus, ob die Verstorbenen nun oberhalb oder unterhalb der Erdoberfläche ihr Dasein fristen. Ich bin da eine Ausnahme, teilt mir Teiresias noch mit, während die neben uns wartenden Kunden mittlerweile irritiert zur Seite blicken, solange ich im Bild bin, bleibe ich dir erhalten, was doch eine sehr beruhigende Vorstellung für dich sein muss.

Wenn er du dich da mal nicht täuschst, denke ich mir, und bekomme prompt Teiresias’ Antwort: ich kann auch gehen, wenn dir das lieber ist.

Auf dem Weg zur Vollendung stellen sich immer wieder Fehler ein. Indem du sie zu vermeiden suchst, kommst du ihr nicht unbedingt näher.

Wer entgrenzt, darf sich über Weite, gar Unendlichkeit nicht beklagen.

Alles, was ein Werden kennt, ist dem Fortschritt unterworfen. So steht auch der Mensch, ein sich Entwickelnder par Exzellenz, im Bann des Fortschritts. Er kann ihn stören, er kann ihn befördern, aber aufhalten kann er ihn nicht. Die eigentliche Frage ist: welche Quelle sein Fortkommen speist.

Auf Bestätigung ist nicht unbedingt Verlass, weder Außen, noch Innen. Darum entziehe dich dieser Form der Selbstbewertung und fühle dich grundsätzlich bestätigt.

Obwohl Teiresias altgriechischer, sehr altgriechischer Abstammung ist, macht er mich (unfreiwilliger Weise?) auf einen kleinen, unscheinbaren Begriff meiner (Mutter)Sprache aufmerksam. Aus seiner Bildecke heraus flüstert er mir zu: eine kleine Weile noch, dann ist das Bild gut.
Weile, welch ein Zauberwort! Halt inne und sieh, jetzt! - Als ob ich bislang nicht immer auf ein aufmerksam-aktives Innehalten als unverzichtbarem Bestandteil künstlerischer Arbeit wie künstlerischer Rezeption bestanden hätte. Nun aber - wie nebenbei - ein darüber hinausgehendes Merkmal kreativer Tätigkeit, ein Geschenk meines antiken Freundes. (Ver)Weilen, die Verheißung eines zartes Versprechens, die Aussicht auf nahende Vollendung. Denn meldet sich nicht im Verweilen, über das Anhaltende des Innehalten’s hinaus, die Intensität vorbildlicher Auseinandersetzung zu Wort? Und hat diese nicht immer das gute Ende im Blick?

Für eine Weile jetzt habe ich nichts zu erreichen, sage ich mir, und schaue genussvoll meiner Hand zu, wie sie den Pinsel in die sorgsam angeriebene Farbe taucht und ihn dann farbvoll über die Malfläche tanzen lässt. Auch Verweilen will geübt sein, sage ich mir, und Übung kommt nie an ein Ende.

Du wirst nicht umhin kommen, manche Lebensweisheit zu ignorieren, sagt Teiresias, zum Beispiel die hier: ”Was das Auge nicht sieht, kann das Herz nicht zum Weinen bringen.”

Ich hänge die Wäsche hinaus in den Regen. Wer sagt denn, dass schmutzige Wäsche, ist sie gewaschen, sofort trocknen muss?

Zwischen Liebe und Hass tummeln sich vielfältige Regungen, die alle eine gewisse Berechtigung haben, aber nicht alle hilfreich sind, die existenzielle Einsamkeit zu mildern.

Das wahre Leben ist das, was ich aus ihm mache, wenn das, was ich aus ihm mache, scheitert.

Eine wohlmeinende Diktatur kann es nicht geben. Ihre möglicherweise hehren Bestrebungen münden alsbald in Repression (gegen jene, die sie nicht teilen). Übrig bleibt blanke Diktatur, die, dem Allgemeinwohl entgegen, alles Wohlmeinende vermissen lässt.

Interessenausgleich ist eine Belastung für jede Demokratie und zugleich unverzichtbar für ihren Bestand.

Manchmal zeugt gerade das besonders Geschmackvolle von schlechtem Geschmack.

Schön wäre es, wenn das Leben (an sich) so bedeutungsvoll wäre, dass es keinerlei (Be)Deutungen bedürfte. Das Denken hätte eine Last weniger und könnte sich voll und ganz auf sich selbst besinnen, bis es seiner selbst überdrüßig wäre und das Leben bedeutungsvoll an sich.

Wie der Mensch zu Lebzeiten frei werden könne von sich selbst, darüber haben wir in der Unterwelt ausführlich diskutiert, verrät mir Teiresias in der Mittagspause, während ich mein Müsli verdrücke. Die fast einhellige Meinung war: durch Verzicht. Nur Epikur war anderer Ansicht. Er stellte die Verführungskraft sinnlichen Lebens zwar nicht in Abrede, plädierte aber für einen maßvollen Genuss. Ich selbst fragte mich damals schon, wer wohl auf die absurde Idee gekommen sei, der Mensch müsse zu Lebzeiten frei von sich werden. Es muss sich dabei um eine Person gehandelt haben, die den Tod nicht hatte abwarten können.

Mystisches Erleben ist für den Außenstehenden schwer nachvollziehbar. Von Bedeutung ist es für den, der es hat. Mit dem Kunsterleben verhält es sich ähnlich.

Laut Teiresias bereitet den größten Genuss eine Sinnlichkeit, an der man nicht hängt.

Findet man sich, bleibt alles beim alten, als ob es neu wäre, und man selbst ist sich selbst ein anderer, wie immer schon.

Manche Tage verweigern ihre Zustimmung. Unmöglich dann, Gedanken für so besonders zu halten, dass sie aufgeschrieben werden müssen. Nicht eigentlich die Tage sind es, sondern ein unbestimmtes, gleichwohl deutlich fühlbares Erleben, das sie unnachsichtig antragen: im Grunde genommen Zweifel an Substanz und Essenz.

Einen Kunstband durchblätternd, den er vor sich auf den Knien aufgeschlagen hat (wenn ich richtig sehe, handelt es sich um altniederländische Malerei), murmelt Teiresias: ”Die einseitige Orientierung auf Nutzen trübt den Blick für die Schönheit. Besser, man verwandelt das Nützliche in Schönheit und erkennt im Schönen das Nutzbare, wobei das Wort Nutz in diesem Zusammenhang eigentlich gar nicht passt”.

Kann ich nichts Rechtes zu Weg bringen, mache ich mich erst recht auf den Weg. So trotze ich mir Ergebnisse ab, nach und nach.

Als leidenschaftlicher Verlierer stürzt er sich in jedes Ereignis, das ihm einigermaßen glaubhaft in Aussicht stellt, den Kürzeren zu ziehen.

Teiresias ist ein Freund des holzkohlebefeuerten Gartengrills. Das erinnere ihn an früher. Sie hätten zu seiner Zeit alle Speisen über offenem Feuer gegart, in irdenen Gefäßen, auf Steinen, aber auch auf Eisenrosten. Fleisch habe verhältnismäßig oft auf dem Speisezettel gestanden. Als wahrsagendes Mitglied des höheren Tempeldienstes hätte er vom Fleisch der Opfertiere, meist Schafe und Hühner, sein Gutteil abbekommen. Mangel an tierischem Eiweiß hätte er nicht gelitten. Seit ich das weiß, nehme ich Teiresias regelmäßig zum örtlichen Metzger mit, wo er sich (und mir) mit Kennermiene Lammfleisch aussuchen darf. Dabei bevorzugt er nicht etwa Filets, sondern mit Fett durchsetzte Stücke aus Hüfte und Hals. Die brieten nicht so schnell trocken, meint er.

Jeder Tag eine beflissene Aufforderung, zu lernen, wie man zu sein hat, statt zu sein, wie man ist. ”Das Leben ist nicht dazu da, dass man ist, wie man ist”, höre ich die Stimme Teiresias’, die auf meinen Gedanken Bezug nimmt, ”das darf man anderen nicht zumuten”.

In Schöpfungsfragen gibt es keine Ratgeber, nur Ratsuchende, die es mitunter auf ihrer Suche vorbildlich weit gebracht haben.

Jede Bestandsaufnahme, die diesen Namen verdient, wird zu dem gleichen Schluss kommen, dass im Leben nichts von Bestand ist, sagt Teiresias.

Was ich nicht beeinflussen kann, lässt mich gleichgültig, sagt er sich, und schaut auf eine Zeit zurück, die so krumm war, dass er sich ständig aufgerufen fühlte, sie gerade zu biegen. Heute ist sie noch krummer, die Zeit und ihr Geschäft, und der Versuch der Begradigung immer noch aussichtslos, wie damals. Warum das so ist und wie man dies ändern könnte, darüber hat er lange vergeblich nachgedacht. Sein Fazit: Die Verhältnisse sind immer so wie sie sind, zementiert.

Es gibt keine neutrale Position im Leben, meint Teiresias. Bist du nicht für etwas, bist du dagegen. Du bejahst einen Menschen oder du lehnst ihn ab. Auch Göttern gegenüber gibt es keine neutrale Einstellung. Du glaubst oder du glaubst nicht. Leben heißt Entscheidungen zu
treffen, mit allen Konsequenzen. Nur im Paradies wird nicht entschieden und muss nicht entschieden werden. Aber das Paradies ist eine existenzbedingte Fiktion, die der Mensch sich eigentlich gar nicht bilden kann, aber gerade wegen seiner Entscheidungsfähigkeit doch bildet.

Die Erde ist ein göttlicher Spielball am Rande der Existenz.

Er lebt im Zeitalter der Kunstmaler, denkt er sich, und dass auch er einer sei, jemand, der leidlich geschickt mit Farbe und Form hantieren kann, ohne etwas Wesentliches zu sagen.

Ein Bild ist schnell gemalt, eine wesentliche (Bild)Aussage aber fällt nicht vom Himmel. Sie rein farb-formal zu realisieren, ist schwer. Deshalb erscheint abstrakte Kunst manchmal so inhaltsleer.

Das starke Geschlecht ist eine uralte wie beliebte Zuschreibung, die das jeweils (vermeintlich) starke Geschlecht für sich reklamiert.

Geistesblitze sind aromatische Zutaten eines gedankenvollen Lebens.

Zum Beispiel bemisst Teiresias die Bedeutung einer Erkenntnis daran, ob sie von gutem Geschmack zeugt. Viele Ideen, die die Menschheit zur Welt gebracht habe, seien schlichtweg ungenießbar, zum Beispiel die Vorstellung des Sündenfalls und der daraus resultierenden Erbsünde.

Das prägende Erlebnis seiner Kindheit: Erwachsene sind eher Feinde als Freunde.

Mag sein, dass die Auffassung, Gott sei ein allumfassendes, allerfüllendes Urprinzip, die ehrlichere ist (sofern überhaupt Göttlichkeit in Frage kommt). Eine personalisierte Gottesvorstellung ist demgegenüber allerdings die sinnlich vollere und kontaktbezogen ansprechendere (man weiß, an wen man sich wendet, so merkwürdig das klingt).

Auch Atheisten können fantasiebegabt sein, obwohl sie sich keinen Gott schaffen.

Teiresias äussert sich in Sachen Göttlichkeit diplomatisch. Götter (und natürlich auch Göttinnen) seien existentiell notwendige Kompositionen menschlicher Einbildungsfähigkeit, die der Mensch, hätte er sie einmal geschaffen, nicht mehr so leicht los würde. Behauptete man etwa, es gäbe keine Götter, was der Wahrheit entspräche, laufe man Gefahr, die religiöse Erfindungsgabe des Menschen zu beleidigen, im Grunde genommen seine Fantasie, die einzige Freiheit, die er im Weltzusammenhang besitzt. Selbstbestimmte und vor allem fantasievolle Menschen würden das ablehnen, mit Recht.

Glaube ist eine persönliche Angelegenheit, solange man nicht an etwas Bestimmtes glaubt.

Ideen und Gefühle kannst du nicht besitzen. Sie kommen und gehen. Du hast sie oder du hast sie nicht.

Auch für ein gedeihliches Miteinander kommt man ohne Fantasie nicht aus. Fantasie also als gesellschaftsbildende Kraft!?

Die Stimme des Kollektivs ist meist wenig gebildet und reichlich fantasiearm.

Man kann auch um der Freiheit willen die Freiheit einbüßen, sagt Teiresias.

Originalität ist nicht nachahmungsfähig, obwohl sie Vorbilder braucht.