Der Sommer verabschiedet sich, nicht heimlich, still und leise, sondern mit einem ordentlichen, wenn auch nicht spektakulären Gewitter mitten in der Nacht. Anfangs grollt es von fern, dann werden die Donnersequenzen lauter, ausdrucksstärker, rücken vor, nach und nach näher, ohne besondere Eile, aber mit Nachdruck. Auf dem Höhepunkt der dramatischen Entwicklung, die eigentlich keine ist, weil sie so geordnet vor sich geht, man könnte fast sagen klassisch, ein klassisches Gewitter, ja, setzt sanfter Regen ein. In seinem Klangteppich zieht das Gewitter ab, ebenso rücksichtsvoll, wie es sich entwickelt hat. Ein fast sachlicher Abgang mit einer Nuance Abschiedsschmerz.

An manchen Abenden beschwert sich mein Körper bei mir: Hör’ mir mal gut zu, wendet er sich vorwurfsvoll an mich, ich bin weiß Gott keine Zwanzig mehr.

In Ausstellungen gibt es immer mehr zu sehen als präsentiert wird. Er sucht Ausstellungen genau genommen nur deswegen auf, wegen diesem Mehr. Würde es nichts mehr zu sehen geben, über das hinaus, was gesehen werden soll, würde er keine Ausstellung mehr besuchen.

Eine Ausstellungsbesucherin verrät mir, dass sie es nur schwer ertragen würde, von Bildern angeschaut zu werden. Sie fühle sich dann irgendwie ertappt. Wobei, will sie mir nicht verraten. Ich habe dann nachgezählt in der Werkschau und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass man aus 29 der 32 ausgestellten Bilder heraus angeschaut wird. Man wird wahrscheinlich nicht umhin können, dieses Angeschautwerden persönlich zu nehmen.

Er ist jetzt raus aus dem Betrieb, als Maler (vorübergehend?) nicht mehr existent. Die Bilder an den Wänden drum herum, was gehen sie ihn noch an? Zu schaffen hat er nichts mehr mit ihnen. Innerhalb kurzer Zeit sind sie zu Einrichtungsgegenständen geworden und er zu einem Raumdekorateur. Das Kunstdrama findet daweil woanders statt. Am liebsten würde er alles wieder abhängen.

Liebe lässt sich nicht erzwingen, aber bemühen kann man sich um sie.

Schenkte man dem öffentlichen Diskurs Glauben, könnte man meinen, man begäbe sich in Lebensgefahr, wenn man sich der Natur aussetzte, der eigenen wie der umgebenden. Ständig drohte Ansteckung, Innen mit Angst, Außen durch Erreger.

”Kannst du dir vorstellen, was das heißt: Weissagen?”, blickt mich Teiresias fragend beim Frühstück an (zu einer Zeit also, da ich eigentlich noch wenig gesprächig bin), ”wo die an höherer Stelle doch wissen müssten, dass man die Wahrheit nur sich selbst zumuten sollte, was schwer genug sei, nicht den anderen.”

Die reine Wahrheit ist meist untragbar, darum schwer erträglich. Wer auf uneingeschränkte Wahrheit pocht, ist vielleicht im Recht, aber herzlos.

Die Wirklichkeit ist immer wahr, sagt Teiresias, unabhängig davon, ob sie jemand registriert oder gar der Ansicht ist, Wirklichkeit, und damit Wahrheit, entstehe erst durchs Hinschauen.

Andererseits, Wahrheit will wirklich angeschaut sein, vor allem die im eigenen Innern. Lässt man sie links liegen (ich entschuldige mich bei allen Linkshändern, ich bin selbst einer), kann sie sehr unangenehm werden.

Das neueste Bulletin der Expertenkommission zum Wohle der Menschheit stellt unter anderem fest, dass der Mensch der größte Schadenstifter auf Erden ist, und dass durch ihn verursachte Schadensfälle (an höherer Stelle) kaum mehr zu bearbeiten, geschweige denn zu reparieren sind.

Teiresias meint, Zurückhaltung wäre angebracht, auch angesichts eines bevorstehenden Weltuntergangs. Ob man nun überweltlich oder unterweltlich lebte, wäre letztendlich egal.

Was man nicht aufhalten kann, dem sollte man sich auch nicht in den Weg stellen. Der Mensch ist nicht aufzuhalten.

Eine niederschmetternde Erkenntnis im Leben, dass die Mehrheit immer Recht hat, dass also, wenn sie behauptet, aus dem oder der wird nichts, dass dann aus der oder dem auch nichts wird. Die self-fulfilling prophecy ist eine Angelegenheit der anderen und kommt von den anderen.

Achte vor allem darauf, was dir verschwiegen wird.

Der Mensch und seine Neigung, besondere Leistungen des Mitmenschen klein zu machen oder zu überschweigen, und das mit ausgesuchter Höflichkeit.

Ich schreibe auf, was mir einfällt, auch wenn’s mir nicht gefällt (was mir zugegebenermaßen nicht gefällt).

Eine Frau, die sich zwischen zwei Männern nicht entscheiden kann. Den einen könnte sie sich gut als Vater ihrer zukünftigen Kinder vorstellen, mit dem anderen würde sie gerne durch die Welt reisen. Als sie sich endlich zu einer Entscheidung durchringt, sind beide Männer anderweitig vergeben. Da lernt sie ihn kennen und weiß sofort, dass es sich um den Mann ihres Lebens handelt. Er will aber keine Kinder und aus Reisen macht er sich auch nichts.

Nach wie vor spurt das Auto. Mobilität ist Trumpf. Bleiben hätte zwar auch etwas, wenigstens vorübergehend, aber man weiß nicht so recht, was man in der eigenen Bleibe anfangen soll. Es treibt einen raus, also fährt man fort.

Wenn Technik den Mensch mehr in Beschlag nimmt, als ihn freistellt.

Wochenlang kann er leben wie ein Asket, völlig bedürfnislos. Bis ihn dieser schier unstillbare Erlebnishunger befällt. Dann stürzt er raus in die Welt und lässt sich gehen. Seine Frau sammelt ihn auf, sturztrunken, die Taschen leer, verkommen von Kopf bis Fuß.

Er kann so gut Feinschmecker sein wie Vielfraß. Was er je ist, hängt von der Bewirtung ab.

Ich befinde mich in guter Gesellschaft, um mich herum lauter Lebewesen.

Manche Mütter wollen Töchter bleiben, manche Väter Söhne. Am Ende scheiden sie jugendlich aus dem Leben und immer viel zu früh.

Das Leben ist mehr als eine mathematische Gleichung. Auf den Punkt gebracht, entzieht es sich der Definition.

Der Mensch sei nun doch schlimmer als angenommen, verkündet eine Expertenkommission zum Wohle der Menschheit. Das läge vor allem an seiner Gewöhnlichkeit.

Gewöhnlich hat der Mensch Angst.

Ein Spießer (ursprünglich ein mit Spieß bewaffneter Stadtbürger) lebt angepasst und macht daraus kein Hehl (noch zu tolerieren) und/oder er verunglimpft andere, die weniger oder gar nicht angepasst leben (nicht zu tolerieren).

Da er weitgehend anpassungsunfähig war, konnte die Gesellschaft nichts mit ihm anfangen. Sie kümmerte sich nicht weiter um ihn, legte ihn ab wie ein schlecht sitzendes Kleidungsstück. Nach seinem Ableben zog sie doch noch Gewinn aus seinem unangepassten Leben, aber da war es zu spät, für ihn wie für sie, die Gesellschaft. Immerhin, zu einem Denkmal hat es dann doch noch gereicht, posthum.

Die Gesellschaft ist die Summe der Menschen, mit denen man nicht unbedingt in Gesellschaft sein möchte, flüstert mir Teiresias während der Abendnachrichten zu.

Wenn man, was man zu sich nähme, nicht mehr schmecken könnte, nicht mehr riechen. Essen müsste man ja, aber die wohligen Düfte des Zubereiteten wären weg, die fast heiligen Aromen besonders leckerer Speisen. Man würde den Bissen auf der Zunge spüren, aber was er transportierte, bliebe unerkannt. Vielleicht würde man versuchen, Geruchs- und Geschmackssensationen zu imaginieren unter Zuhilfenahme der Erinnerung. Vielleicht auch würde man die Augen bemühen, ganz sicher sogar. Das Auge ißt ja mit. Könnte einem der Tastsinn helfen, einer, der sich in Mund- und Rachenraum breit machte? Was auch immer man versuchte, meist säße man deprimiert da vor dem gedeckten Tisch mit all den Speisen, die einen nicht mehr erreichten, geruchs- und geschmacksverlassen und einsam mit diesem Verlust an Sinnlichkeit.

Frauen hielt er immer eher für begehrens- als liebenswert. Dass er selbst für die Frauen eher liebens- als begehrenswert erschien, darauf konnte er sich keinen Reim machen.

Wer Kunst präsentiert, sollte ihr eigentlich fremd sein.

Der frische, unbefangene Blick, der sich nicht scheut zu registrieren, dass der Kaiser keine Kleider an hat, obwohl alle anderen das steif und fest behaupten.

Augenblicklich, es ist früh am Morgen, kann ich nicht sagen, ob ein Frühstück im Grünen, zu dritt oder zu viert, möglich sein wird. Ich werde Édouard Manet zu Rate ziehen.

Niemand tanzt dem Tod auf der Nase herum. Alle fürchten sich und halten die anderen insgeheim für verantwortlich. Ein Totentanz?, ganz ausgeschlossen. Lieber bleibt man gesund und alles andere als munter.

Warum halten sich die Pressemedien mit sorgfältiger Kritik am Regierungshandeln im Zusammenhang mit Covid19 weitgehend zurück? Warum hört man diesbezüglich wenig von der parlamentarischen Opposition? Wo findet überhaupt noch ein alternativ-kritischer Diskurs statt, außer im privat-initiativem Sektor des Internet? Man kann sich berechtigter Weise Sorgen machen um die Demokratie in Deutschland.

Bücher als geistige Kleidungsstücke. Outfit eines lebendigen Geistes.

Dass jemandem etwas gefiel, berührte ihn immer peinlich. Er dachte dann bei sich, der andere müsste doch zumindest irritiert sein über oder Anstoß nehmen an dem Gezeigten. Äußerte man Lob, war das für ihn das sichere Zeichen, dass er etwas falsch gemacht hatte. Wer ihn loben wollte, musste abfällig sprechen über ihn und seine Arbeit.

Wir brauchen weniger das leicht dahin gesagte Lob, als eine Kultur der Bestätigung. Der andere spürt die Auseinandersetzung, die wir leisten, um ihn bestätigen zu können. Das wiegt schwerer als blankes Lob.

Angst untergräbt die Widerstandsfähigkeit. Noch dazu ist sie ein schlechter Ratgeber (wie das Sprichwort es zum Ausdruck bringt). Andererseits, man hat sie, die Angst, sie gehört irgendwie zum eigenen Leben dazu, coexistentiell. Und etwas, mit dem man lebt, sollte man nicht verleugnen.

Teiresias sagt: ”Wer die Frage, ob er jederzeit aus dem Leben scheiden könnte, umstandslos mit Ja beantworten kann, hat keine Angst mehr, zumindest nicht vor dem Tod.”

Meist genügt der Künstler sich selbst, weniger den anderen, und er unterhält sich lieber mit sich selbst, als mit anderen.

Die meisten Menschen erkennen nur, was sie zu sehen glauben. Gibt es vermeintlich nichts zu sehen, schrumpft ihr Wahrnehmungsvermögen gegen Null.

Wahrnehmung und Anteil geben gehören zusammen, laut Teiresias.

Käme Jesus an meine Tür und sagte, er wäre Jesus und ich solle ihm folgen, empfände ich das als Zumutung. Andererseits, wenn ich genau wüsste, er wäre wirklich Jesus, würde ich vermutlich mitgehen.

Und wieder Teiresias: ”Die Beschaffenheit des Wissens ist manchmal wichtiger als das Wissen selbst.”

Unübersehbar, dass Politik, Medien und Wissenschaft in Zusammenhang mit Covid19 in die Pandemie-Falle geraten sind. Wie unter Wahrung des eigenen Ansehens glaubhaft aus diesem Dilemma herauskommen, ist nun die drängende Frage. Die Maßnahmen zur Eindämmung einer (fraglichen) Pandemie sind getroffen worden und haben erheblichen Schaden angerichtet. Die Bevölkerung nimmt davon kaum Notiz, signalisiert stattdessen mehrheitlich Zustimmung. Man will es eigentlich nicht, aber man kann nicht umhin festzustellen: im Zusammenhang mit Covid19 wurde und wird zielführend mit Angst gearbeitet. Im günstigen Fall sind auch die Handlungsträger ’bloß’ Getriebene ihrer Angst, im ungünstigen verfolgen sie andere, undurchschaubare Interessen. Ganz entschieden ist zu verlangen, aus demokratischem Empfinden heraus, dass gerade diese Interessen offengelegt werden. Denn Demokratie braucht Transparenz politischer Entscheidungen.

Woran wir erkennen können, dass wir pandemisch bedroht sind: an der Maske, die wir tragen, am Abstand, den wir zu unseren Mitmenschen einhalten, und an der häufigen Händedesinfektion.

Teiresias meint, es wäre nicht unwichtig, wem man die Erziehung der eigenen Kinder überlässt. Vielleicht müsste man sich bei uns, aufgrund unserer Vergangenheit, diesbezüglich kaum Sorgen machen, aber ihn, Teiresias, verwundere es schon ein wenig, wenn Eltern ihre Kinder sehr früh bereitwillig außer Haus geben.

Die Vorbereitung einer Kunstpräsentation gleicht auch einer qualitativen Endkontrolle der zur Ausstellung kommenden Objekte. Man versucht den Blick Außenstehender einzunehmen (was nur unvollkommen gelingt), frisch und unverbraucht, obwohl man als Urheber zig Mal schon dem eigenen Werk Wert schätzend begegnet ist. Man will die Qualität für die Präsentation ein weiteres Mal besonders auf den Punkt bringen und hofft, dass sich diese kritische Prozedur den Rezipienten mitteilt.

Er möchte den Jungen zurufen: Lasst euch nicht alles gefallen! Misstraut den Obrigkeiten! Nehmt nicht alles für bare Münze, was man euch erzählt! Und vor allem, fragt nach den Motiven!

Jeglicher Wissenschaft angemessen zu begegnen, heißt auch, neben Prüfung der Faktenlage, nach den Motiven zu forschen für ihr wissenschaftliches Handeln.

Wer den Diskurs meidet, schadet der Erkenntnis und dem rechten Handeln.

Eine bislang unbeantwortete Frage, weniger, warum wir erkranken, mehr, warum die einen und die anderen nicht, auch wenn sich manchmal eine nachvollziehbare Erklärung finden lässt, die aber nicht hinreicht, und nur ein hinreichender Grund wäre eine Antwort.

Gestern wäre ich beinah auf eine Schlange getreten. Sie war etwa 80 cm lang, mittelfingerdick, antrazithglänzend gefärbt und hatte zwei gelbliche Flecken links und rechts am Hinterkopf. Elegant verschwand sie in einer Spalte unter einem Stein seitlich der Terrasse. Natürlich habe ich sofort nachgesehen, um welche Schlange es sich da gehandelt hat, und bin auf die Ringelnatter gestoßen. Das hat mich einigermaßen beruhigt, auch wenn mir bekannt ist, dass Giftschlangen, sieht man von der Kreuzotter ab, in meiner Region wenig bis gar nicht verbreitet sind. So wohnt also ein paradiesisches Wesen im Garten und hat von meiner Frau auch schon einen Namen erhalten: Eva. Ob es wohl Äpfel liebt?

Wer sich gut selbst regulieren kann, besitzt gute Chancen zu einem geschätzten Mitglied der Gesellschaft zu werden, es sei denn, er leistet sich Ausrutscher und verliert ab und an die Selbstbeherrschung. Aber dann kann es mit der Selbstregulation nicht weit her gewesen sein.

Wenn man mehr noch als Nähe und Gemeinschaft Alleinsein und Distanz schätzt.

Aus einer wohlwollenden Distanz heraus sich über die Unterschiedlichkeit menschlicher Wesen und Ausdrucksformen zu wundern, diese doch tolerante Einstellung wird manchmal auf eine harte Probe gestellt. Bei besonders anstrengenden Exemplaren der Gattung Mensch hilft meist der Standardsatz: auch dich hat Gott gewollt (was auch immer er sich dabei gedacht hat).

Die Gemahlin Friedrich Augusts des Zweiten (Kurfürst und Herzog von Sachsen), Maria Josepha von Österreich, gebar 15 Kinder, vier verstarben früh. Sie wurde 58 Jahre alt.

Letzte Nacht, welch’ bezauberndes Rendezvous mit meiner ’Geliebten auf ewig’. Ich wusste sofort, dass sie es war, obwohl ich sie nicht sehen konnte. Aber ich spürte sie um so mehr. Niemand sonst hat mich je so in den Arm genommen wie auch ich niemand je so in den Arm genommen habe. Wir hielten uns und drehten uns beschwingt im Kreis. Es war der Tanz ewiger Liebe, unserer Liebe. Der Duft ihres Haars umspielte sanft meine Nase, ihr Körper, eine einzige elastische Festigkeit, schmiegte sich zärtlich an mich. So nah kamen wir uns und waren so innig auf ewig versprochen für kurze Zeit, für diese eine Nacht. Der Abschiedsschmerz trieb mich ins Tagleben zurück. Eine ganze Weile noch hing ich dem Erlebten sehnsuchtsvoll nach. Wann unser nächstes Rendezvous sein wird? Ich weiß es nicht, aber ich vermute, sie wird es wissen.

Er ist der Meinung, dass viele Probleme vor allem eigene sind. Kommen viele dieser eigenen Probleme zusammen, werden allgemeine daraus, die meist nur unter erheblichem Aufwand zu lösen sind.

Wer sich streng an Regeln hält, wird in der Regel leicht übers Ohr gehauen, sagt Teiresias.

Im Grunde genommen hat er nichts zu sagen. Aber da er seine Worte geschickt wählen und arrangieren kann, fällt das niemandem auf.

Die Gleichberechtigungsfrage entzweit nicht nur die Gemüter, sondern auch die Geschlechter. Nicht auszudenken, welche Folgen Gleichstellung hätte.

Wenn er über Menschen schreibt, schreibt er nur über Menschen, die er nicht kennt, aber doch so gut kennt, dass er etwas über sie zu schreiben weiß.

Ein älterer, schwergewichtiger Mann schnauft die Museumstreppe hoch. Oben angekommen ist er ganz außer Atem und muss sich setzen. Gegenüber die berühmte Stadtansicht Dresdens von Canaletto, von der er kaum Notiz nimmt. Es dauert, bis er wieder zu Atem kommt. Nach einiger Zeit erhebt er sich mühsam und nestelt an Hosenbund und Hosenschlitz herum. Da muss wohl etwas verrutscht sein. Sehen kann er beides, vergraben unter dem mächtigen Hängebauch, nicht.

Ironie ist lebensrettend, zum Beispiel für einen Zugbegleiter, der seine Ansagen mit kabarettistischem Scharfsinn einfärbt, weil er, nach eigener Aussage, sonst, wenn er das nicht machen würde, jeden Abend eine Flasche Schnaps trinken müsste, um seinen Bahnfrust loszuwerden. Um welche Bahn es sich handelt, muss an dieser Stelle offenbleiben. Aber soviel Auswahl gibt es ja nicht.

Wer sich dafür entscheidet unterwegs sein zu wollen, muss damit rechnen, unterwegs Entscheidungen treffen zu müssen. Reisen ist vorübergehend anhaltende Entscheidungsangelegenheit.

Teiresias sagt, vorübergehend sei das Leben gut auszuhalten, anhaltend wäre es unerträglich.

Er hat, seit er berufsbedingt in Großstädte reisen muss, mehr und viel zu erzählen. Die anderen am Stammtisch spitzen die Ohren und machen große Augen. Plötzlich ist er wer, hat was zu sagen. Man hört ihm zu. Dass alles reine Erfindung ist, merkt keiner.

Vor Bildern Canalettos, des einen wie des anderen, kann man fernsehen. Man kann auch in ihnen lesen. Und ab und an weht sogar ein Hauch Musik durch die Szenerie.

Nicht nur, dass zu viele Köche den Brei verderben, nein, das Zuviel an sich bringt den Schaden.

Nie waren Alte so fit wie heute. Manchmal kann er sich damit abfinden, ein anderes Mal stößt es ihn ab. Er negiert sein Alter nicht, auch wenn er dem Abnutzungsprozess seines Körpers nicht tatenlos zusieht. Vorbei die Zeit, da Alte sich zurückzogen, fern des Weltgetriebes ihrem Ende entgegen lebten, des Lebens müde und ihrer Müdigkeit einverständig. Heute sind sie überall mit von der Partie, solange es nur irgend geht. Die Bühne der Öffentlichkeit wird zunehmend ihre, aber damit das Schauspiel des Lebens nicht zur Tragödie, sondern zum Possenspiel. Weh’ der Gesellschaft, in der sie, die Alten, die Mehrheit stellen! Er möchte nicht in ihr leben und freut sich über die Jungen, einfach weil sie da sind, ausgelassen und frisch und ohne Vorbehalte. Einen Tod zur rechten Zeit, das wünscht er sich, und etwas Altersweisheit zuvor, die ihn bewahrt.

”Früher starb man, bevor man alt wurde”, meint Teiresias zu mir. ”Wir hatten nie Probleme mit dem Alter, aus dem einfachen Grund, weil wir es - bis auf wenige Ausnahmen - nicht erlebten. Du - und er mustert mich eindringlich, als ob die ganze Kostbarkeit des Lebens sich in seinem Blick konzentrieren würde - wärst zu meiner Zeit vermutlich längst nicht mehr am Leben”.

Ölfarbe trocknet verhältnismäßig langsam. Sollte ich also je dazu übergehen mit Ölfarbe zu arbeiten, werde ich meine Arbeitsweise dahingehend anpassen müssen.

Teiresias, dem ich enthusiastisch von meinen Rezeptionserlebnissen mit Gemälden alter Meister erzähle, meint, dass ich immer und vieles von den Alten lernen könne, und nicht nur im Bereich der Malerei, aber dass ich es immer modifizierend für mich aktualisieren müsse im Sinne meiner Zeit und meines Orts. Das klingt so überzeugend wie leichter gesagt als getan, denke ich mir, und höre ihn gedankenlesend antworten: ”Wer hat gesagt, dass das leicht fällt”.

Ein großes Problem im Umgang mit Vorbildern sind die Nachbilder.

Auch und vor allem der sprühende Geist bedarf eines soliden Haushalts.

Die letzte Stunde im Museum ist die schönste. Die Säle leeren sich. Die Bilder atmen auf und ich mit ihnen. Vor allem diese letzte Stunde, die meine ist, und die der Bilder.

Die Taktik verdirbt das Spiel und von Fußball ist die Rede. Dass sich also 20 Spieler unter erheblichen läuferischen Anstrengungen gegenseitig daran hindern, das zu tun, was sie eigentlich vorhaben, nämlich Fußball zu spielen, ist schon bemerkenswert, wenn auch nicht schön anzuschauen. Das Motto lautet, den Spielaufbau des Gegners durch heftiges Anrennen möglichst frühzeitig zu stören, weit vor der eigenen Spielhälfte. Da der Gegner das Gleiche macht, stehen sich die Spieler im Mittelfeld unsanft auf den Füßen herum. Entsprechend oft muss der Schiedsrichter mit seiner Pfeife eingreifen. Flotte Spielzüge in des Gegners Strafraum haben Seltenheitswert, von spannenden Torraumszenen ganz zu schweigen. Warum man als Fußballfan dazu ins Stadion gehen soll, ist schwer zu begreifen. Fast könnte man meinen, die leeren Ränge im Stadion verdankten sich nicht einer Pandemie, sondern dem Überdruss eines bislang zahlenden Publikums, das nicht mehr gewillt ist, Geld auszugeben dafür, Fußballspielern beim erfolgreichen Unterbinden ihrer beruflichen Tätigkeit zuzusehen.

Ist ein Journal eigentlich nur ein Journal, wenn jeder Tag mit einer Aufzeichnung aufwartet, und könnte man diese Frage auch dem Tagebuch stellen?

Bloße Notizen scheinen einer Verpflichtung täglichen Aufschriebs nicht zu unterliegen. Man notiert oder notiert nicht, unabhängig von Tag und Tagesbefindlichkeit.

Das zur Täglichkeit verpflichtete Journal hat etwas Wettkampfmäßiges. Man tritt gegen sich selbst an. Die Wettkampf entscheidende Frage dabei: schafft man es, täglich zu schreiben und das Aufgeschriebene täglich für andere lesbar zu machen, und hat es Bestand vor einem selbst, täglich und darüber hinaus.

Ich könnte auch täglich ein Bild fertigstellen, vorausgesetzt, ich wäre in der Lage, täglich ein Bild fertigzustellen. Schaut her: das Kunstwerk des Tages, würde ich dann sagen, möglicherweise.

Ich gehe (je länger, je mehr) dazu über ins Alltägliche aufzugehen. Dort suche ich das Besondere und finde es mitunter sogar.

Man bildet sich zu viel ein, sagt Teiresias, man sollte mehr ausbilden. Aber vermutlich hängt das eine mit dem anderen untrennbar zusammen.

Auf dem Sofa nimmt er nicht mehr Platz. Seit dem Zwischenfall hat er dort nicht mehr gesessen. Zuviel blanke Erinnerung. Auch der gegenüber befindliche Fernseher bleibt unbenützt. Er müsste sich dafür auf das Sofa setzen. Dass man es entfernen könnte und durch ein Neues ersetzen, ist ihm klar. Aber dazu fehlt ihm der Wille und auch das Geld. So wird es frei bleiben, für wen auch immer. Für ihn jedenfalls nicht. Immerhin hat sie gern darauf gesessen.

Schauspieler sein. Die Rollen wechseln frei Haus. Und keiner dächte sich etwas dabei. Nur im Privaten, wenn es da jemanden gäbe, der wüsste vielleicht nicht immer genau, wen er da vor sich hat. Aber weiß man das sonst?

Das Maskenspiel ist nur scheinbar ehrlicher. Man weiß zwar (selbst wenn man das nicht wissen will), dass hinter der Maske noch jemand anderes steckt. Aber weiß man, ob man da nicht auf eine neue Maske stößt?

Ich komme nicht über mich hinweg. Das ist so dürftig wie bedauerlich.

Jede Beziehung lebt mit und durch die Äußerungsformen, die man ihr zutraut und zumutet. Zuneigung sucht sich Ausdrucksgebärden, Abneigung auch.

”Wenn ein Leben aussichtslos wird, hat es den Blick fürs Umgebende und Überragende verloren”, sagt Teiresias unvermittelt. Übrig bliebe der Selbstblick, der die Aussichtslosigkeit nur noch aussichtsloser macht.

Man nehme sich selbst aufs Korn. Eine bessere Art nichts zu sehen gibt es nicht.

Gott bewahre mich vor einem Leben, das nur noch damit beschäftigt ist, das Leben zu bewahren. Bei Nicolas Gomez Dávila heißt das so: ”Die Alten lieben das Leben, weil Leben das einzige Gut ist, das ihnen das Leben noch nicht entrissen hat” (Nicolas Gómez Dávila, ”Notas”, Matthes & Seitz Berlin, S. 170)

Der alte Mensch weiß nichts besser, er weiß auch nicht unbedingt mehr, aber er weiß um die Vergeblichkeit.

Die Kunst des Alters ist Vergeblichkeitskunst. Dass es im Vergeblichen ein Trotzdem gibt, lässt sie so einzigartig sein.

Manch einer, der mit 32 Jahren stirbt, ist mit 30 bereits alt gewesen, höre ich Teiresias murmeln.

Ein verlässliches Heilmittel gegen Überdruss habe ich bislang nicht entdeckt. Wenn er mich in die Mange nimmt, hoffe ich immer auf Besserung. Das ist alles.

Wer sich abfindet, muss auf nichts mehr warten.

Ein ästhetisches Urteil kann Ausdruck persönlicher Vorliebe (Neigung) sein. Es kann aber auch allgemeinverbindlicher charakterisieren im Sinne phänomenologischer Feststellung (Beschreibung). Persönliche wie phänomenologische Anschauung gehen Hand in Hand, darum sind sie manchmal schwer auseinanderzuhalten, sehr zum Leidwesen vorwiegend rational eingestellter Menschen.

”Wer Ziele erreicht, die er sich gesetzt hat, am Ende gar ein ganzes Leben lang, der kann auch etwas”, sagt Teiresias und fügt noch an, dass dabei die moralische Frage unbeantwortet bleibe, da man sich durchaus - wissentlich oder unwissentlich - Ziele setzen könne zum Schaden von Mensch und Welt.

Manches ist schwer in Worte zu fassen, zum Beispiel die zauberhafte Schönheit des Glanzes, mit dem ein leichter Sommerregen die Natur zu überziehen vermag.

Willfährigkeit ist in der Lage Schaden anzurichten. Leider kann man sie nur schwer zur Verantwortung ziehen, wenn der Schaden irgendwann offensichtlich wird. Am Ende war es niemand gewesen. Jeder hat willfährig das getan, was von ihm erwartet, bzw. verlangt wurde.

Wenn Du Dich raushalten willst, musst Du mit Nachteilen rechnen.

Die banalen Angelegenheiten des Alltags sind selten gute Gesprächsinhalte, und Menschen, die nichts anderes bewegt, selten gute Gesprächspartner.

Das wichtigste Gespräch im Leben eines Menschen ist das Selbstgespräch. Wer sich selbst nicht zu Wort kommen lässt, sich nicht zuhört und gegebenenfalls ins Wort fällt, wird schwerlich ein ernstzunehmender Gesprächspartner sein können.

Worte sind Schall und Rauch, sagen manche, und bringen damit auch zum Ausdruck, dass sie die Anstrengung Worte zu bilden scheuen. Teiresias meint dazu, es würde gern zu viel geredet über Randständiges und gern zu wenig über Entscheidendes. Aber so sei der Mensch nun mal. Selbst die Götter wüssten nicht warum, und seien darüberhinaus alles andere als ein gutes Vorbild.

Das Schwerste im künstlerischen Tun scheint mir das Erlernen zufallsorientierter Langsamkeit zu sein. Wie soll man einen Moment dehnen? ”Vergiss’ es”, brummt Teiresias, ”und mach’!”

Neulich musste ich Teiresias versprechen, sein Bild, quasi sein Gästezimmer, nicht zu verkaufen, sollte sich wider Erwarten ein Käufer einstellen. Erst wenn sein Gastspiel bei mir zu Ende ginge, dürfte ich es weggeben.

Teiresias ist enttäuscht. Nun hat er sich so viel Mühe gegeben mit seinem Blumenbeet, es hingebungsvoll gepflegt und liebevoll in Augenschein genommen, um rechtzeitig zu erkennen, ob ihm etwas fehlt, und dann dieses Resultat: Schütteres Grün mit spärlichen, bunten Flecken. Nichts gegen Dill, Borretsch und Calendula, aber eine vielseitige Blumenmischung, auch wenn sie den Bienen zuträglich zu sein verspricht, sieht anders aus. Nun muss sich Teiresias’ Blumenhunger bis zum nächsten Frühjahr gedulden. Die Aussicht auf herbstliche Zubereitung des Blumenbeets und zukünftige Blütenpracht ist ihm nur ein schwacher Trost.

Man müsste sich selbst in die Arme fallen. Man müsste sich befehlen und diesen Befehl gehorsam und konsequent ausführen: heute mach’ ich nichts, und auch späterhin nicht und überhaupt nie mehr etwas. Man müsste jeglicher Entwicklungsbestrebung in sich eine endgültige Absage erteilen. Fortschritt in Zukunft unerwünscht! Aber man schafft das nicht. Man lebt weiter wie bisher und lebt weiterhin produktiv-expansiv, vermutlich weil man als Mensch gar nicht anders kann.

Ein gut proportioniertes Verhältnis von Ein- und Ausatmung sei erstrebenswert, meint Teiresias. Seine Atmung wäre ihm heilig, fügt er noch an.

Das Einzigartige ist Frucht der Einsamkeit.

Wenn man schon nicht über sich selbst hinaus kommt, kann man wenigstens versuchen, über den Rand der eigenen Brille zu sehen.

Ich glaube, es spielt eine untergeordnete Rolle, ob die Resultate meiner künstlerischen Tätigkeit irgendeine Bedeutung haben, bzw. für irgendjemand bedeutungsvoll sind. Entscheidend ist, ob ich mit ihr im Entstehungsprozess sein kann, in einem anhaltenden Entwicklungsgespräch, lebenslang, wie sonst nur - und das ist ein großes Geschenk - mit einem geliebten Menschen.