Der ältere Herr sitzt gleich mir inmitten lärmender Menschen auf dem Bahnsteig. Die übliche metallene, engmaschig gebogene Sitzgelegenheit. Eine aufgeschlagene Zeitung, Gepäck keins. Im Gegensatz zu mir greift er bereitwillig in die Hosentasche, als ihn ein verlorener Jüngling um Geld angeht. FC Paderborn schlägt VFL Wolfsburg lese ich die Überschrift eines Artikels. Eine kleine Sensation. Wolfsburg steigt ab in die zweite Liga, Paderborn auf in die erste. Nach einiger Zeit faltet der ältere Herr die Zeitung zusammen und erhebt sich mühsam. Er bemerkt meinen Blick: soll ich ihnen helfen?, und erklärt freundlich: ich muss mich bewegen, zu langes Sitzen tut nicht gut. Mit diesen Worten verschwindet er steif zwischen den Wartenden, wo ich ihn in einiger Entfernung noch einmal auftauchen sehe.

Werde ich von deutlich Jüngeren fraglos geduzt, überrascht mich das immer. Im ersten Moment die schmeichelhafte Vermutung, sie betrachten mich als ihresgleichen, was natürlich ein (unverzeihlicher) Irrtum ist, angesichts des beträchtlichen Altersunterschieds. Oder wirke ich so jugendlich? Diese Frage riecht nur so nach Alterseitelkeit. Sie wird sofort verworfen. Es muss einen anderen Grund geben. Vielleicht liegt er in der unbequemen Tatsache zwischen Du und Sie unterscheiden zu müssen. Wann ist welche Anrede passend? Eine komplizierte wie lästige Frage, die unter ausschließlicher Verwendung des Du bequem zu umgehen ist. Ein weiterer Grund möglicherweise der unter jungen Menschen verbreitete Gebrauch der englischen Sprache, die vordergründig zwischen Du und Sie nicht unterscheidet.